Duzt Du schon oder siezen Sie noch?

"Ich spreche mit jedem gleich, egal ob es sich um den Müllmann oder den Präsident der Universität handelt."

Albert Einstein


Vor ein paar Wochen waren wir bei Freunden zu Besuch. Beim gemeinsamen Abendessen fragten uns unsere Gastgeber nach Rat. Das Paar leitet ein Optikgeschäft in dritter Generation. Im Zuge der Nachfolge haben sie nicht nur Inventar und Belegschaft übernommen, sondern auch die Kultur und Prinzipien ihrer Vorgänger. „Wie haltet Ihr das eigentlich mit dem ‚Du‘ bei der Arbeit“, fragte unsere Freundin. „Bei uns im Optikgeschäft gilt noch immer das ‚Sie‘ mit den Mitarbeitern, aber irgendwie fühlt sich das für mich nicht mehr stimmig an“, stellte sie etwas ratlos fest.

 

Wir duzen fast alle Menschen in unserem beruflichen Umfeld. Egal ob Dienstleister, Kollegen, Studentengruppen oder auch Kunden, wann immer möglich, bieten wir das Du an. „Kein Wunder“, wird jetzt der eine oder die andere denken, „die New-Work-Szene ist ja bekannt dafür, dass sich jeder duzt.“ Und ja, in immer mehr Unternehmen hält das ‚Du‘ Einzug. Besonders viel Presse erhielt vor zwei Jahren der Vorstandschef der OTTO Group, Hans-Otto Schrader, für sein Angebot an die Belegschaft, dass ihn künftig alle mit seinem Kurznamen Hos ansprechen können, sofern sie das wollen. Doch es gilt gut hinschauen, aus welchen Gründen ein Unternehmen einen Wechsel der Anrede anstrebt.

 

Wir wissen, es gibt viele Führungskräfte und Mitarbeitende, die dieser Form der Anrede bei der Arbeit kritisch gegenüberstehen. So auch unser Freund. „Man sagt eher ‚Du Arschloch‘, als ‚Sie Arschloch‘!“, gab er zu bedenken. 

 

Sicherlich haben auch Sie dieses Argument schon mal gehört und wir fragen uns jedes Mal, warum es so vielen als Begründung für ein Festhalten an einer „Sie-Kultur“ ausreicht.

 

 

Denn Respekt ist keine Frage der Anrede. Der Respekt, den wir einem Menschen entgegenbringen, hängt vielmehr von unserem Menschenbild und unseren Erfahrungen ab. Nur weil ein Vorgesetzter einen Mitarbeiter siezt, heißt das nicht, dass er ihn auch respektiert. Und das gilt auch in die andere Richtung. Und wenn wir genau hinschauen, dann erfolgt die oben genannte Beleidigung wohl auch eher hinter dem Rücken als in der direkten Konfrontation. Da ist die Frage, ob man die Person duzt oder siezt auch schon irrelevant.

 

Für uns ist das ‚Du‘ ein Zeichen von Offenheit und Vertrauen. Wenn wir als Sven oder Nadine einer Person begegnen, dann sind wir interessiert am Menschen. Wir wollen wissen, mit wem wir es zu tun haben, wofür unser Gegenüber steht, was ihn oder sie bewegt und antreibt. Wenn uns diese Form der Begegnung gelingt, dann steht einer offenen und konstruktiven Zusammenarbeit nichts mehr im Weg. Denn es entsteht ein unkomplizierter, aber auch ehrlicher Austausch über Ziele, Ideen oder auch unterschiedliche Vorstellungen und Anforderungen.

 

Wie halten Sie es mit dem Du oder Sie? Was spricht aus Ihrer Sicht für das Du? Was für ein Sie?

 


Dieser Beitrag ist in der Mai-Ausgabe des Wirtschaftsmagazin Standort38 im Rahmen unserer monatlichen Kolumne erschienen. 



Sven Franke & Nadine Nobile sind Gründerin von CO:X. Sie gehen als Prozess- und Organisationsbegleiter verschiedenen Blickwinkeln und Perspektiven in Unternehmen  nach. Immer mit dem Ziel den eigenen Horizont zu erweitern und Impulse weiterzugeben und Entwicklung anzuregen.



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